Watson und seine Brüder: Die Maschinen kommen zu sich selbst

Es gibt diese wundersamen Bilder vom jüngsten Jeopardy, auf denen die beiden menschlichen Kandidaten dem schwarzen, nur mit dem Watson-Logo versehenen Bildschirm in der Mitte applaudieren, der nicht zufällig an den rätselhaften Monolithen “2001” erinnert. Wem spenden die Menschen Beifall? Dem Computer, der nicht weiß, was Applaus bedeutet? Der nicht ahnen kann, warum Menschen ihn spenden. Der, hätte er Hände, selbst nur applaudieren könnte, wenn man ihn vorher entsprechend programmieren bzw. so einrichten würde, dass er den Selbst-Befehl “Applaus” errechnet.

Die Menschen applaudieren natürlich, weil sich das in solchen Situationen so gehört; sie folgen dem Skript – kann man sagen: dem Programm? – der sozialen Umstände. Und sie applaudieren den Menschen hinter der Maschine, den Konstrukteuren von IBM. Aber sie wissen zugleich: Watson müsste ihnen auch dann nicht applaudieren, wenn er es könnte; allenfalls aus Höflichkeit: Anerkennung der Verlierer.

Die Zweifel am Applaus sind nur eine der vielen Unsicherheiten, Unbehaglichkeiten, die Watsons Sieg aufwirft. Auch die Begriffe, mit denen das Duell beschrieben wurde, verfehlen irgendwie die Sache. Kampf zwischen Mensch und Maschine? Der Computer kämpft nicht. Die überlegene Intelligenz von Watson: Hat seine “Intelligenz” etwas mit der unseren zu tun? Die Machtübernahme der Siliziumscheiben: Die bleiben auch in gebackener Form machtferner Sand. Wir beginnen zu ahnen: Alle unsere Begriffe haben nichts mit der Wirklichkeit des Computers zu tun, von der wir zunehmend weniger wissen, weil sie uns immer weniger ähneln.

Watson ist ein Produkt jener AI-Wissenschaften, die sich davon verabschiedet haben, die menschliche Kognition nachbilden zu wollen. Die frühe AI ging davon aus, den Maschinen die Regeln des menschlichen Denkens beizubringen, wobei niemand genau wusste (und weiß), worin diese bestehen. Dennoch galt die Formel, erst die Regeln der Datenverarbeitung, dann die Daten. Diese Reihenfolge hing auch damit zusammen, dass alle anderen Wege mangels Rechenleistung und Datenspeicher verwehrt waren.

Dies hat sich in den vergangenen 15, 20 Jahren grundlegend geändert und damit hat sich auch die AI neu erfunden: Jetzt setzt sie statistische Verfahren für große Datenmengen ein, aus deren Verarbeitung die Regeln erzeugt werden, mit denen die Maschinen dann weitermachen, um laufend weiter sowohl Daten wie Regeln zu re-strukturieren. Erst diese De-Humanisierung der Computer aufgrund schierer Rechenleistung, gigantischen Datenspeichern und sich selbst steuerndem Machine Learning hat die enormen Fortschritte der jüngsten Zeit möglich gemacht, zu deren sichtbarsten Ergebnissen etwa Googles Spracherkennung und Übersetzungssoftware gehören, und eben Watson.

Er und seine Brüder beeindrucken und überragen die menschliche Intelligenz, gerade weil sie nichts mehr mit ihr zu tun haben. Die Maschinen werden besser als der Mensch, seitdem sie nicht mehr versuchen, so zu sein wie er. Darin liegt die eigentliche Herausforderung und der historische Moment von Watson: Er gewährt uns einen Blick in die Parallelwelt der digitalen Maschinen. In ihre grundlegende Andersartigkeit, in die Welt einer irgendwie gearteten Intelligenz, die nach gänzlich anderen Prinzipien als die unsere funktioniert, und daher vermutlich auch auf anderen Gebieten brillieren und versagen wird. Wir beginnen zu begreifen, dass die Aliens nicht aus dem Weltraum zu uns stoßen, sondern wir sie auf der Erde erschaffen.

Pathos ist unvermeidlich in diesem Moment, in dem die Maschinen zu sich selbst kommen. Was bedeutet: Sie kommen nicht zu uns, weil sie ihre ganz eigenen Regeln der Wirklichkeitserzeugung pflegen, den Selbstlauf der Daten, aus denen alle ihre Operationen bestehen. Watson ist nicht der einzige, nur der sichtbarste Vertreter dieser Digitalen Wesen, deren Präsenz allzu oft vergessen wird: Nahezu alles, was der Mensch derzeit als Social, also als ur-menschlich feiert, im Social Web oder in Social Media, ruht auf den darunterliegenden oder sich parallel verzweigenden Datenströmen der Maschinen. Die erste Sozialität, die komplett von digitalen Daten abhängt. Was das bedeutet, welche Auswirkungen das hat, wie wir uns mit dieser Parallelwelt der Daten arrangieren werden und wie sie uns beeinflussen wird, das ist alles völlig offen.

Watsons Verdienst besteht darin, ein Massenpublikum auf diese Welt aufmerksam zu machen.


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